Hypnoseblog Ute Neehoff

 

Psychotherapeutische Heilpraktikerin

 

Bertolt-Brecht-Allee 24 • 01309 Dresden • Tel. 0351 - 2 15 95 15

Hilfe, ein Helfer

„Frau Neehoff, können Sie meinem Sohn/Gatten/Freund… helfen?“

höre oder lese ich immer wieder mal. Meine Antwort: „Um das herauszufinden, müsste Ihr Sohn/Gatte/Freund mit mir arbeiten wollen.“ Das ist selten der Fall.

Was steckt häufig hinter solchen Anfragen? Ein Helfersyndrom beim Fragenden. Hier einige Merkmale:

  • Jemand kümmert sich lieber um andere als um seine eigenen Belange.
  • Jemand kümmert sich ungefragt um andere, teils sogar gegen deren ausdrücklichen Wunsch oder ungeachtet der Aufforderung, die vermeintliche Hilfe zu unterlassen.
  • Jemand verlangt nie einen Gegenwert für seine Hilfe. Dankesbekundungen lehnt er ab mit den Worten: „Das ist doch nicht nötig. Das mache ich doch gern.“

Und wie immer ist das Symptom für den Symptomträger – den Helfer – kein Problem, sondern die Lösung. Es ist die Lösung für sein größtes Problem: die Unlust, sich mit sich selber zu beschäftigen.

Warum helfen Menschen über das gesunde Maß hinaus?

Hier eine Auswahl möglicher Hintergründe:

  • Weil sie Angst haben, ansonsten allein zu sein.
  • Weil sie es als Ideal ansehen, sich selber zu vernachlässigen und ihr Leben am Leben anderer auszurichten.
  • Weil sie selber keine Hilfe annehmen können.
  • Weil sie schon als Kind darauf getrimmt wurden, für andere da zu sein.
  • Weil sie von ihren Eltern emotional mißbraucht wurden.
  • Weil sie ein geringes Selbstwertgefühl haben und Sichopfern mit gesundem Helfen verwechseln.
  • Weil sie eigene Bedürfnisse ignorieren oder gar nicht mehr wahrnehmen.
  • Weil sie ihre Daseinsberechtigung darin sehen, für andere da zu sein.
  • Weil sie entsprechende Überzeugungen und Glaubenssätze ihr eigen nennen: „Man muss helfen. Sei selbstlos.“
  • Weil sie nicht gelernt haben, sich selber Aufmerksamkeit und Anerkennung zu geben und darauf angewiesen sind, diese von außen zu bekommen. Die Chance, dies durch aufopferndes Helfen zu bekommen, ist gut.

Fazit: Solange der Nutzen für den Helfer überwiegt, wird der Helfer nichts an seiner Situation ändern, selbst wenn er vor Überforderung „auf dem Zahnfleisch geht“.

Was bewirken Menschen mit Helfersyndrom?

Hinter der Fassade des schönen Scheins Schaden. Der größte Schaden, den Sie als sich aufdrängender Helfer anrichten können:

  • Sie treiben andere in die Abhängigkeit bzw. tragen dazu bei, dass diese dort verharren.

Beispiel

Ihr Sohn ist 30 und wohnt immer noch bei Ihnen? Sie können ihm nicht zumuten, dass er auszieht? Sie haben seine Bestrebungen zur Selbständigkeit schon früh im Keim erstickt? Und heute kann er weder seine Wäsche waschen noch kochen. Der würde verlottern und verhungern – ohne Sie. Wenn Sie Glück haben, teilt er Ihre Meinung und genießt das bequeme Leben. Wenn Sie Pech haben, wird er Sie irgendwann hassen, weil er nicht sein eigenes, sondern Ihr Leben bereichert hat – mit seiner Anwesenheit. Und Sie werden wohl kaum in Frieden aus dieser Welt gehen können mit dem Wissen, dass Ihr Sohn nicht für sich sorgen kann. Oder besorgen Sie ihm vorher noch eine Frau nach Ihren Vorstellungen als „Mama-Ersatz“?

Wann ist Helfen eine Tugend und geben seeliger denn nehmen?

Wieder einige Anregungen:

  • Wenn Sie helfen ohne sich aufzudrängen.

Beispiel

Einem Menschen den Tipp zu geben, mal auf meine Homepage zu schauen, ist OK. Für einen anderen Menschen bei mir anrufen und am liebsten noch Details aus dessen Leben mit mir besprechen, nicht.

  • Wenn Sie sich gelegentlich als Zuhörer anbieten. Vielen Menschen hilft es enorm, wenn ihnen in schwierigen Situationen jemand zuhört. Die Betonung liegt auf ZUHÖREN, nicht schon wieder Lösungen anbieten, die Ihnen selber gefallen.
  • Wenn Sie darauf achten, dass Sie bei allem Helfen selber gesund bleiben. Wer beim Helfen ständig über seine eigenen physischen und psychischen Grenzen geht, entwickelt irgendwann Frust. Gelegentlich zeigt sich dann die wahre Motivation eines Helfers.

Beispiel

Eine Mutter, die sich ständig ungebeten in das Familienleben ihrer erwachsenen Kinder einmischt, überschüttet diese mit Vorwürfen: „Was habe ich nicht alles für euch getan, war immer da, habe auf… verzichtet… Und wo ist der Dank?“

Und wenn die Kinder ständig um Hilfe gebeten haben oder sogar die Enkel ungefragt bei Oma abgeladen haben? Dann wird es höchste Zeit, dass die Oma lernt, NEIN zu sagen. Die Versäumnisse bei der Erziehung der eigenen Kinder lassen sich nicht mehr nachholen.

  • Wenn Sie darauf achten, dass kein zu großes Gefälle im Geben und Nehmen entsteht. Jeder systemisch ausgebildete Mensch weiß: Geben ist nicht nur seeliger, sondern vor allem leichter als nehmen. Wenn Sie ständig einem Menschen über Gebühr helfen ohne ihm die Chance zu geben, in irgendeiner Form zu danken, hält das die Seele der meisten Beschenkten auf Dauer nicht aus. Nach außen kommt es dann zu scheinbar unverständlichen Reaktionen.

Beispiel

Sie betüteln Ihre/n Liebste/n wie ein kleines Kind? Selber lehnen Sie Hilfe ab? Und was tut der/die Undankbare? Hat Zeit und Kraft und – orientiert sich anderweitig.

  • Wenn Sie darauf verzichten, die Verantwortung für andere zu übernehmen. Jeder erwachsene Mensch ist selber für sich und sein Leben verantwortlich. Das gilt auch während der Arbeitszeit. Wer das nicht akzeptieren kann, ist burn-out-gefährdet.

Beispiel

Eine Abteilungsleiterin traut Ihren Mitarbeitern nicht. Sie kontrolliert deren Arbeit über das gesunde Maß hinaus. Die Begründung: die Firma vor dem Ruin bewahren. Die Folge: ein 10-Stunden-Tag am Rand des Zusammenbruchs, den niemand von ihr erwartet. Die Kollegen fühlen sich gegängelt und sind genervt. Der Firmen-Chef ist wegen der Einmischung in seinen Verantwortungsbereich gereizt.

Zurück zum Anfang des Artikels:

Bevor Sie jemanden zur Therapie schicken, horchen Sie doch mal in sich rein und erforschen Ihre Motive. Schaffen Sie es, ehrlich zu sein? Los geht`s:

Wie fühlen SIE sich, wenn Sie aufhören, einer Person zu helfen, um die Sie sich permanent kümmern?

Wie oft sagen Sie „NEIN“ und wie fühlen Sie sich dabei?

Wie ist es um Ihre Identität bestellt, wenn Sie aufhören, selbstlos zu helfen oder wenn Sie sich von einer Person lösen, der Sie ständig helfen?

Wie gut nehmen Sie Ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahr? Wie gut kennen Sie sich?

Wieviel Zeit wenden Sie für die Lösung eigener Probleme auf und wieviel für die Lösung der Probleme anderer?

Was bedeutet Ihnen Kontrolle?

Wollen Sie wissen, was richtig ist und daran festhalten, um Unsicherheit und Angst zu entgehen?

Fürchten Sie, Zuneigung und Liebe zu verlieren, allein zu sein, wenn Sie weniger helfen? Kommt Panik auf bei diesem Gedanken?

Liebe Helfer, ich verstehe Sie. Und ich helfe Ihnen gern und nenne Ihnen ebenso gern den Preis dafür. Alles im Leben hat seinen Preis, oder? Und ich bin sicher, Ihr Sohn/Gatte/Freund wird sich selber bei mir melden – wenn er das will.  Für JEDEN Menschen gilt: „Ich kann nur mich ändern. Jeder trägt die Verantwortung für sein Leben, und nur für seins.“

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