Wie haben Sie Weihnachten erlebt? Ein Fest des Familien-Friedens?
Bei Familienfeiern können Sie herausfinden wie erwachsen Sie wirklich sind – egal, ob Sie 20, 40 oder gar 60 Jahre und älter sind. Ein bedeutsamer Gradmesser dafür ist das Verhältnis und das Verhalten den eigenen Eltern gegenüber.
Wie sieht es da bei Ihnen aus? Bleiben Sie aus Frust vor dem, was Sie in Ihrem früheren Zuhause erwartet, gleich ganz zu Hause? Beißen Sie in den sauren Apfel und machen gute Miene zum „bösen Spiel“, doch die Stimmung ist gereizt?
oder
Tun Sie Ihren Eltern den Gefallen und spielen Kind, lassen sich bemuttern, essen um des lieben Friedens willen mehr als Sie wollen? Der Lohn: Sie fahren mit gutem Gewissen nach Hause – den Eltern gegenüber. Im Gegenzug haben Sie jetzt Stress mit dem/der Partner/in?
oder
Sowohl Sie als auch Ihr/e Partner/in pflegen ein entspanntes Verhältnis zu Eltern und Schwiegereltern. Familien-Feste: Sie nehmen als erwachsenes Kind die Liebe zu den Eltern bewusst wahr und lassen sie zu – ohne den Partner damit zu brüskieren.
Ein entspanntes Verhältnis zu den Eltern zu finden, ist für viele Menschen eine Lebensaufgabe. Und so manch 50jähriger ist diesbezüglich nicht über die Pubertät hinausgekommen.
Woran erkennen Sie ein erwachsenes, gutes und geklärtes Verhältnis zu Ihren Eltern? Bertold Ulsamer, der einige Bücher übers Familienstellen geschrieben hat, unterscheidet bezugnehmend auf den Systemiker Klaus Mücke 4 Phasen, die die meisten Menschen bezüglich ihres Verhaltens den Eltern gegenüber durchlaufen:
- Ein Kind tut alles, was die Eltern wollen oder wollten. Beim Kleinkind ist das normal.
Beispiel
Wer über dieses Stadium nicht hinauskommt, steigt gegen die eigenen Neigungen in Papas Firma ein, übernimmt diese später, um Papa nicht zu enttäuschen und nötigt eventuell auch noch die eigenen Kinder, es ihm gleichzutun.
- Ein Kind tut genau das Gegenteil von dem, was die Eltern wünschen oder erwarten.
Beispiel
Wer kennt sie nicht, diese Phase, die in der Pubertät ihre Berechtigung hat, um sich von den Eltern zu lösen und abzugrenzen, um eigene Wege zu finden. Spätestens, wenn der ergraute Sohn immer noch wie ein Hippie rumrennt, um Mama zu ärgern, wird es lächerlich, oder?
Diese Sünden finde ich teilweise amüsant, wenn sie zur rechten Zeit gelebt und auch wieder beendet wurden. Und ich gebe zu, auch ich war als Jugendliche der Meinung, meine Eltern schocken zu müssen.
- Ein Kind bricht den Kontakt ab.
Auch dieses beschämende Kapitel hatte Platz in meinem Leben. Dank Familienaufstellung, Hypnose und systemischer Ausbildung bin ich sowohl über diese als auch die nächste Phase hinweggekommen.
- Ein Kind erwartet oder hofft, dass seine Eltern sich noch ändern.
Spätestens an diesem letzten Punkt bleiben viele hängen, was bedeutet, dass ganz tief in ihrem Innern unverändert die kindliche Sehnsucht nach dem idealen Papa, der idealen Mama schwingt.
Natürlich gibt es oft „Mischformen“ dieser Verhaltensweisen, und vielleicht pendeln Sie je nach Ereignis zwischen diesen Verhaltensweisen hin und her. Manchmal geht es zwischen Ihnen und Ihren Eltern eine Weile gut – bis Ihr Vater Sie vorwurfsvoll anschaut und sich Ihre Mutter in die Kindererziehung einmischt. Vielleicht gehört gerade so ein Auf und Ab für Sie dazu. Dennoch:
All das kostet eine Menge Energie. Wer entspannt sich schon in einem gereizten Klima? Wieviel Kraft kostet die Hab-Acht-Stellung aus Angst vor Grenzüberschreitungen und Einmischung ins eigene Leben? Und wer fühlt sich in seiner Mitte, wenn er dauernd bemüht ist, den Eltern alles recht zu machen?
Egal wie belastet die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist, tief in der Seele liebt jeder Mensch seine Eltern. Jedenfalls finde ich diese Bücherweisheit von Autoren wie Bertold Ulsamer während der systemischen Arbeit mit meinen Klienten immer wieder bestätigt. Für mich sind das berührende Momente, wenn ein erwachsenes Kind, dessen Verhältnis zu Vater und Mutter auf der Alltagsebene zerrüttet ist, diese Liebe wiederentdeckt.
Mit dieser Liebe können nach und nach alte Wunden heilen. Das funktioniert auch noch, wenn die Eltern gestorben sind. Es ist eine Illusion, dass automatisch innerer Frieden einkehrt, wenn ungeliebte Eltern sterben. Im Gegenteil: alte Konflikte gären weiter, Vorwürfe bleiben bestehen. Und auch das Gefühl, nicht genug bekommen zu haben, bleibt allgegenwärtig. Im Extremfall bricht sich die Liebe Bahn, indem Krankheiten und schwere Schicksale der Eltern übernommen werden.
Quelle einer stärkenden und kraftspendenden Beziehung zu den eigenen Eltern sind innere Bilder und Einstellungen, die durch einen veränderten Blickwinkel des erwachsenen Kindes entstehen, wenn das erwachsene Kind mit seinem inneren Kind arbeitet.
Es ist ein Riesen-Irrtum, dass die Eltern noch etwas für ihr Kind tun müssen oder sollen, damit ein Kind endlich zufrieden ist. Wenn diese Einsicht zumindest ansatzweise vorhanden ist, kann die notwendige innere Arbeit gelingen. So einfach wie es hier klingen mag, ist es oft nicht. Das Ergebnis wird von jedem, der sie leistet, als wohltuend empfunden.
Ich habe schon so manchen inneren Kampf miterleben dürfen, wenn ein Erwachsener kaum in der Lage war „Hallo Papa.“ zu sagen, wenn er sich vor seinem inneren Auge die Begegnung mit seinem Vater vorstellen sollte – so groß war die Verletzung. Und um jahrzehntelange Belastungen aufzuarbeiten, heißt es, auf einer bestimmten Ebene bei Null anzufangen. Es geht dabei um einen Neubeginn ohne die reale Vergangenheit auszublenden. Es geht darum zu akzeptieren, dass das Leben, besonders die Kindheit und vor allem Mutter und Vater nun mal die waren/sind, die sie waren/sind. Warum? Es gibt keine Alternative. Dabei hat jede/r die Wahl:
Entweder
Sie nehmen dankbar an, was Sie bekommen haben, wohl wissend, dass Sie wie alle Menschen auf dieses und jenes verzichten mussten. Ich persönlich denke z.B., dass ich gerade durch die Hürden stark geworden bin und gelernt habe, das Leben zu meistern.
oder
Sie bleiben im Anspruch – ein kindliches Verhalten, das zeigt, dass ein Mensch nicht bereit ist, die volle Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen. Solche Menschen denken z.B., dass „Papa Staat“ für sie sorgen muss oder dass ihnen ein Erbe zustünde.
Kindliches Verhalten aufzugeben bedeutet, innerlich zu reifen und zu wachsen. Das braucht eine gewisse Zeit. Systemische Hypnose bietet die Möglichkeit, einen Riesen-Schritt in diese Richtung zu gehen. Dieser Schritt lohnt sich für alle, die sich
ein selbstbestimmtes zufriedenes Leben,
befriedigende Beziehungen im sozialen Umfeld
und vor allem auch eine befriedigende Partnerschaft wünschen.
Ich habe mir nach so manchen Irrungen und Wirrungen meinerseits ein entspanntes Verhältnis zu meinen Eltern erarbeitet. Begrenzungen gehören dazu, tun dem Guten keinen Abbruch, solange ich mir dessen bewusst bin. Ich arbeite daran und kann es jedem empfehlen damit zu beginnen, solange die Eltern noch leben.
Der Lohn ist nicht nur der eigene Seelenfrieden. Der innere Frieden schafft ungeahnte Möglichkeiten, jedenfalls habe ich es so erlebt. Ich behaupte, es ist ein entscheidender Schritt zu ausreichend Energie und Kreativität, um zufrieden und guten Gewissens den eigenen Weg zu gehen. Ich wünsche jedem Menschen, das von sich sagen zu können und vor allem, entsprechend handeln zu können.
Quelle: Bertold Ulsamer "Wie Sie alte Wunden allein heilen und neue Kraft schöpfen. Familienaufstellung ohne Stellvertreter"
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Super danke für die vielen vielen guten Infos und ich freu mich auf weitere spannende Artikel.
Grüße aus München
Rainer
Vielen Dank für Ihr freundliches Feedback. Das motiviert mich beim Schreiben :)