Wenn Vergebung krank macht
Vergebung. Was ist das? Wunderwaffe im Ringen um seelische Balance? Oder gar notwendige Voraussetzung, um alte Wunden zu heilen?
Vielleicht sind Sie in Berührung gekommen mit Colin Tippings Methode zur „radikalen Vergebung“. Wenn Sie damit Erfolg hatte, freue ich mich für Sie. Ansonsten gilt wohl auch hier: die universelle „Wunderwaffe“, das Allheilmittel schlechthin gibt es leider nicht (:
Es wäre auch schlimm, wenn ohne Vergebung nichts ginge. Was täten diejenigen, die damit nicht weiterkommen? Mir scheint, mit der Vergebung verhält es sich wie mit der Liebe. Beides ist nicht machbar im Sinn von lässt sich nicht erzwingen, und stellt sich schon gar nicht auf Kommando ein.
Jemanden zu lieben, kann ein Mensch eventuell im Lauf einer sich entwickelnden Beziehung lernen, Vergebung eher nicht. Vergebung stellt sich mehr oder weniger von allein ein – infolge eines inneren Prozesses, bei dem alte Wunden verarbeitet werden konnten. Dann ist Vergebung meiner Erfahrung nach ein Geschenk, dass tiefen inneren Frieden zur Folge haben kann, aber keineswegs notwendige Voraussetzung für inneren Frieden oder seelische Gesundheit.
Für die Heilung alter Wunden, die in meiner Praxis meist die Ursache für Depressionen, Unzufriedenheit mit sich und alle möglichen Symptome sein können, ist Vergebung keineswegs erforderlich. Ich nehme an, dass solche ungeprüften Behauptungen auf dem Boden einer Religiosität oder Spiritualität gedeihen, bei denen Behauptungen und Annahmen gleichgesetzt werden mit Wahrheiten – mit fatalen Folgen.
Übrigens, das ist bei Colin Tipping und seiner "radikalen Vergebung" nicht der Fall. Zumindest hat er bei einem Vortrag, den ich gehört habe, gesagt, dass seine Methode auf einer „verrückten Idee“ basiert. Das ist für mich OK, Mut zu Neuem, der nützlich ist, solange eine Idee geprüft und hinterfragt werden darf.
Ein berührendes Beispiel aus meiner Praxis, bei der eine Idee weder geprüft noch hinterfragt wurde
Eine Frau ist wegen einer stets wiederkehrenden aggressiven Erkrankung in medizinischer Behandlung. Ungeachtet der Schwere der Krankheit ist es den Ärzten dreimal mit Hilfe von Medikamenten und konventionellen Therapien gelungen, die Krankheit vollständig zurückzudrängen – ohne dauerhaften Erfolg. Daraufhin rät man der Frau, sich um eine Psychotherapie zu bemühen, weil psychische Auslöser vermutet werden.
Die Frau kam zu mir mit der Vorstellung, dass Vergebung das Allheilmittel schlechthin wäre. In ihrer Lebensgeschichte gab es tatsächlich eine Menge Menschen, die ihr schwere Verletzungen zugefügt hatten. Diesen Menschen wollte sie um jeden Preis vergeben. Der Gedanke war zur fixen Idee geworden.
Die Frau war unter widrigen Umständen aufgewachsen. Dass sie überleben konnte, war wohl der unglaublichen kindlichen Fähigkeit zur Resilienz zu verdanken.
Ganz kurz: Die Resilienzforschung beschäftigt sich damit, dass einige Kinder ungeachtet schwieriger Umstände gedeihen oder zumindest ohne schwerwiegende Folgen überleben können.
Zurück zum Thema.
Die erwähnte Frau hatte überlebt, allerdings mit an Schwere zunehmenden Symptomen und Erkrankungen. Vergebung sollte nun Abhilfe schaffen. Wann immer wir im Vorgespräch auf alte Verletzungen zu sprechen kamen, sagte sie unaufgefordert: „Ich vergebe, ich vergebe, ich vergebe.“ und behauptete, Familienmitglieder, die ihr nachhaltig geschadet hatten, jetzt zu lieben.
In der Hypnose stellte sich dann heraus, dass sie keineswegs vergeben konnte. Und das war in Anbetracht des erlittenen Leids, das sie erstmals zum Ausdruck bringen durfte, nachvollziehbar. An diesem Punkt über Vergebung nachzudenken, ist Verdrängung bzw. Missachtung des natürlichen Bedürfnisses, die eigene Not mitzuteilen und sich damit verstanden und angenommen zu fühlen.
Die Veröffentlichungen und Bücher von Alice Miller befassen sich mit dem entscheidenden Faktor zur Aufarbeitung alter krankmachender Verletzungen: die Anwesenheit eines „wissenden Zeugen“, eines verstehenden und mitfühlenden Helfers. Die Resilienzforschung bestätigt diese Erkenntnis.
So ein Helfer ist eine Person, die einem Menschen glaubt. Die meisten Verletzungen erleiden Kinder von Bezugspersonen, die nie dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Niemand empört sich, niemand bestätigt die richtige Wahrnehmung des Kindes, dass etwas nicht in Ordnung ist. Auf dem Nährboden destruktiver Bindungen entstehen tiefgehende Verunsicherungen. Das auf Erwachsene angewiesene Kind bekommt keine Orientierung, was gut und böse ist und zieht Schlussfolgerungen wie
Ich habe es nicht besser verdient.
Ich bin schuld, dass…
Ich bin es nicht wert…
Ich muss für meine Familie da sein…
Ich muss helfen, eigene Bedürfnisse denen anderer unterordnen…
Gibt es in dieser Situation einen Helfer, der das Kind in seiner Wahrnehmung, dass Unrecht geschieht, bestätigt und tröstet, kann es oft dennoch gedeihen, zumindest ohne schwerwiegende Störungen. Die Rolle kann jeder Mensch übernehmen, der das Kind über einen längeren Zeitraum begleitet, z.B. eine Oma, andere Verwandte, aber auch Lehrer und Erzieher.
Diese Personen neutralisieren dann teilweise die ungünstigen Bedingungen, indem sie das Kind stärken und ermutigen. Entscheidend: das Unrecht wird eben nicht als „in Ordnung“ abgetan. Dem Kind wird vor allem geglaubt, es wird getröstet und ermutigt, seine Fähigkeiten zu entwickeln.
So funktioniert auch eine aufdeckende Therapie. Der Therapeut ist in einem geschützten Rahmen zunächst „wissender Zeuge“. Viele Menschen trauen sich unter diesen Bedingungen erstmals, bislang im Nebel der Verdrängung ruhende Erinnerungen hochzuholen und den damit verbundenen Schmerz zuzulassen.
Das ist auch der erste Schritt bei Colin Tippings Methode zur „radikalen Vergebung“. Aber wir Menschen neigen wohl dazu, unangenehme Schritte auf dem Weg zum Ziel weglassen zu wollen.
Wenn Sie in der DDR aufgewachsen sind, erinnern Sie sich eventuell noch an die politisch motivierte Parole „Überholen ohne einzuholen“. Wen man auf diese Art und Weise überholen wollte? Den "Westen“. Dieser Schwachsinn wollte mir schon als Kind nicht einleuchten. Wohin es geführt hat, wissen wir. Daraus ergibt sich folgende Frage:
Heißt das, man muss seine Kindheit aufarbeiten?
Nein, denn kein erwachsener Mensch muss etwas, auch Sie nicht. Wer etwas muss, richtet sich nach der Meinung anderer. Wenn Sie statt „ich muss“ denken „ich will“, ist es Ihr eigener Wunsch. Die Kindheit ist eine Prägungsphase, in der erfahrungsgemäß die Weichen für das spätere Leben gestellt werden. Deshalb empfehle ich:
Hören Sie in sich rein. Finden Sie Ihre eigene Wahrheit. Die Kindheit aufzuarbeiten ist sinnvoll,
wenn andere Methoden versagt haben
wenn Sie sich ganz bewusst dazu entscheiden
wenn Ihr Körper sich „meldet“, wenn Sie an die Vergangenheit denken
wenn Sie sich als Erwachsene/r zu oft nach anderen richten
wenn Sie sich für die Ursachen Ihrer Probleme interessieren und diese bearbeiten wollen und
wenn Sie dadurch mehr Selbstwirksamkeit und Selbsterkenntnis anstreben,
um Ihr wahres Selbst zu erforschen, das Sie unterdrücken mussten aus Angst vor Gewalt, emotionaler Zurückweisung, Ablehnung, aus Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen… weil Sie nie der/die sein durften, der/die Sie wirklich waren oder von sich aus sein wollten und dadurch bis heute vergeblich nach Ihrer Berufung suchen.
Fazit
Vergebung im Sinn von Verdrängung macht erst recht krank. Zuverlässige Indizien: Symptome und Probleme nehmen eher zu als ab, denn Verdrängung Kraft kostet. Diese Kraft fehlt, um sich, das eigene Denken, Fühlen und Verhalten zu ändern und damit Probleme aus eigener Kraft zu lösen und Selbstheilungskräfte anzukurbeln.
Aufarbeiten heißt nicht, uneinsichtigen oder bereits senilen früheren „Peinigern“ gegenüber zu treten und sich mit deren Reaktionen zu überfordern.
Aufarbeiten bedeutet vor allem, dem eigenen inneren Kind und sich selber eine Stimme zu geben. Aufarbeiten bedeutet, dem inneren Kind endlich Gehör zu schenken und zu lernen, für dieses innere Kind zu sorgen, wenn es Bedürfnisse signalisiert.
Vergebung steht am Ende eines inneren Prozesses. Heilung kann und darf lange davor einsetzen.
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Vergebung ist wichtig, aber kann ein hartes Stück Arbeit sein.
Mir hat die Seelsorge geholfen, der Film "Ben Hur" ist auch besonders zu empfehlen, passend zum Thema und das reinste Balsam für die Seele.
Buchempfehlung Vergebung
Ich schließe mich Ihnen mit einer weiteren Buchempfehlung an: "Die Hütte" von William P. Young. In diesem Buch ist der Prozess, den Sie sicher mit "harter Arbeit" meinen, sehr emotional und beeindruckend beschrieben. Und auch dort kommt der Autor zu dem Schluss: Vergebung hat weder mit Vergessen noch Verzeihen schlimmer Taten zu tun. Ziel ist es, dem Täter die Macht und den Einfluss auf die weitere Gestaltung des eigenen Lebens zu entziehen.
Ben Hur empfinde ich auch als Balsam für die Seele.
Da wüßte ich schon gern, warum?