Wann und warum Sie Ihrer Intuition auf keinen Fall trauen sollten
Woran erkennen Sie intuitive Reaktionen, Entscheidungen, intuitives Handeln?
Am Zeitfaktor. Sie erfolgen in den Bruchteilen einer Sekunde bevor das rationale Denken einsetzt.
Eine interessante Frage lautet: Sollten Sie darauf hören bzw. können Sie sich darauf verlassen, um optimale Ergebnisse zu erzielen?
Darauf gibt es eine eindeutige Antwort. Ja, wenn Sie auf dem Gebiet, auf dem Sie Ihre Intuition nutzen wollen, Experte sind.
Beispiel
Nach jahrzehntelanger Ehe sind die meisten zusammenlebenden Paare Experten für ihren Partner ;) Das äußert sich z.B. darin, dass Sie intuitiv wissen, was der andere will oder denkt, bevor er/sie es ausspricht. Die Trefferquote liegt deutlich über dem Zufall.
Kürzlich wurde im Fernsehen eine Sendung ausgestrahlt, in der Experimente zum Thema Intuition vorgestellt wurden.
Experiment 1
Ein Profi-Basketballspieler schaut sich aufgezeichnete Spiele an. Diese werden willkürlich angehalten. Er muss in dem Sekundenbruchteil, in dem die Intuition zum Einsatz kommt, die bestmögliche Entscheidung für die erfolgreiche Fortsetzung des Spiels treffen.
Anschließend hat er für diese Aufgabe so viel Zeit, dass das rationale Denken einsetzen kann und die Entscheidung beeinflusst.
Seine intuitiven Entscheidungen waren eindeutig besser.
Experiment 2
Eine erfahrene amerikanische Topmanagerin befindet sich während einer Besprechung in der ca. 37. Etage eines Bürohauses. Es gibt einen Knall, Rauch steigt auf. Lautsprecherdurchsagen mit Erklärungen bleiben aus.
In Sekundenbruchteilen entscheidet sie, ihr Team zu evakuieren und führt ihre Mitarbeiter durch ein rauchvernebeltes Treppenhaus sicher nach unten – die richtige Entscheidung. Unten war eine Bombe explodiert.
Solche Berichte veranlassen Menschen, die Intuition generell über den Verstand zu stellen. Dabei übersehen oder verdrängen sie einen entscheidende Faktor des Erfolgs: das Expertenwissen.
Nur Experten auf einem Gebiet treffen intuitiv bessere Entscheidungen.
Warum spielt der Experten-Status für die Intuition so eine große Rolle?
Intuitive Entscheidungen werden aus dem Unterbewusstsein gespeist. Das Unterbewusstsein speichert sämtliche Erfahrungen. Wenn es zu einem Thema nichts oder zu wenig gibt, kann kaum Brauchbares dazu rauskommen. So einfach.
Beispiel
Zur Erklärung zurück zum Leben eines Paares. Ein Paar ist erst kurze Zeit zusammen. Je nach Intensität der Kommunikation hat jeder erst relativ wenig Erfahrung mit dem Partner. Dennoch bilden sich beide ein, sich gut zu kennen. Eine voreilige Schlussfolgerung, weil unterbewusst eine unpassende Datenbank angezapft wird.
Beide haben durchaus langjährige Erfahrungen mit Beziehungen, vor allem mit den eigenen Eltern und eventuell mit früheren Partnern. Und da beginnt oft das Übel. Diese Erfahrungen werden ungeprüft auf den neuen Partner übertragen. Dem Partner werden unterbewusst und automatisch Dinge zugeschrieben, die auf Erfahrungen mit anderen Personen basieren – wegen der Stimme, Mimik, Gestik… die an andere erinnern.
Wie gesagt, das geschieht unterbewusst, also intuitiv. Ebenso intuitiv fällt die Reaktion aus, meist unangemessen. Die unterbewusst gespeicherten Informationen und angehäuften Erfahrungen haben nämlich nichts mit dem aktuellen Partner zu tun. Über den Partner gibt es schlicht und ergreifend zu wenig Informationen, vor allem zu wenig Informationen, die einem Realitätstest unterzogen wurden.
Was wäre die Lösung?
Sie erinnern sich: Experte werden und bis dahin öfter den Verstand einschalten - oder in Hypnose herausfinden, was da so zu einzelnen Themen im Unterbewusstsein schlummert ;)
Echtes Kennenlernen zwischen zwei Menschen ist nur möglich, wenn die Vorannahmen geprüft werden - eventuell aus Feigheit und Bequemlichkeit eine unüberwindbare Hürde. An das Projizieren und Interpretieren hat man sich gewöhnt. Und Gewohnheiten, ach ja, auch ein unerschöpfliches Thema, sind hartnäckig.
Für diejenigen, deren Unterbewusstsein jetzt Betroffenheit signalisiert, weil es ahnt, dass dem Partner Unrecht getan wird, hier eine kleine Übung:
Test
Schließen Sie die Augen. Stellen Sie sich vor, vor Ihnen steht Ihr/e Partner/in und hinter Ihnen Ihr gleichgeschlechtliches Elternteil. Wählen Sie einen Abstand, der Ihnen erlaubt, beide gut zu sehen, wenn Sie in die jeweilige Richtung schauen.
Schauen Sie erst Ihren Partner eine Weile an. Drehen Sie sich gedanklich um und schauen dann Ihren Elternteil eine Weile an. Wechseln Sie anschließend eine Weile hin und her.
Können Sie beide gut unterscheiden? Spüren Sie die Grenzen und Unterschiede? Denken Sie, wenn Sie einen von beiden betrachten, an den anderen? Gibt es Muster, die in der Beziehung zu beiden auftauchen?
Den Partner auf unterbewusster Ebene mit einem Elternteil zu verwechseln und z.B. bei seinem Anblick intuitiv in die Kinderrolle zu schlüpfen, gefolgt von kindlichen Emotionen und dazu passenden Reaktionen, birgt reichlich Sprengstoff für eine Beziehung.
Experte werden Sie, wenn Sie Vorurteile, Interpretationen und Annahmen hinterfragen und einem Realitätscheck unterziehen.
Spannende Frage:
Welche Beziehung haben Sie zu sich selber?
Leben Sie Ihr Leben oder richten Sie sich nach Vorstellungen, Forderungen, Ansprüchen anderer? Mit anderen Worten: wissen Sie, was Sie in Ihrem Unterbewusstsein über sich gespeichert haben? Solange Sie es nicht wissen, empfehle ich auch in diesem Fall: ergänzen Sie Ihr Bauchgefühl, nutzen Sie auch Ihren Verstand und das logische Denken.
Beispiel
Jemand fühlt sich als Versager, weil er nicht studiert hat. Die Realität ignoriert er: Er hat eine Lehre erfolgreich abgeschlossen, eine Familie gegründet, ist erfolgreich im Beruf. Kein Grund, sich als Versager zu fühlen, wäre da nicht die innere Stimme.
Kürzlich wurde ihm eine anspruchsvollere Tätigkeit angeboten. Er zögert, fühlt sich der Aufgabe nicht gewachsen, weil sein Unterbewusstsein ihm einflüstert: „Du kriegst eh nichts auf die Reihe, Versager.“
Daran hat er sich so gewöhnt, dass er es ungefiltert glaubt und seine Erfolge kaum wahrnehmen kann, nur weil er nicht studiert hat.
Das Gefühl, ein Versager zu sein, stammt aus seiner Kindheit. In seiner Familie war es über Generationen Brauch, zu studieren, denn: „Wer nicht studiert, ist ein Versager.“ Das prägt.
Fazit
Wenn Sie Experte auf einem Gebiet sind, können Sie mit intuitiven Entscheidungen viel Zeit und Aufwand sparen.
Solange Ihnen die Basis dafür fehlt, bauen Sie besser zusätzlich auf Ihren Verstand – vorausgesetzt, Sie können beides voneinander unterscheiden :)
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